Der Kite Punk ist zurück - Rick Jensen im Interview
Rider Interview 28.05.10
Rick Jensen hat bereits während seiner Kindheit mit dem Kitesurfen angefangen und seitdem viele Erfolge eingefahren. Ob bei der Kitesurf Trophy auf nationaler Ebene oder bei der PKRA (Professional Kitesurf Riders Association) auf internationaler Ebene. Ende vergangenen Jahres hat er sich dann leider eine schwere Verletzung zugezogen. Er musste aufgrund eines vorderen Kreuzbandrisses operiert werden und eine lange Pause einlegen. Auf dem ersten Tourstop der Kitesurf Trophy in Dahme, hat er dann bereits wieder den dritten Platz belegt. Wie er das geschafft hat und wie er sich so schnell erholen konnte, erzählt er uns in seinem ersten Interview nach seiner Pause.
Kb.eu: Hallo Rick, natürlich interessiert es all unsere Leser brennend, wie du dir deine Verletzung zugezogen hast?
Im letzten Herbst hatten wir bei einem zweiwöchigen Videodreh auf Mauritius leider mit Windmangel zu kämpfen und waren daher gezwungen bei nicht optimalen Bedingungen aufs Wasser zu gehen. Nachdem die Inverts im Kasten waren, mussten wir auf ausreichend starken Wind für Kiteloops warten. Nach zwei Tagen Windstille kam der Wind, wenn auch immer noch nicht so stark wie ich es mir gewünscht hatte, am letzten Abend vor unserem Heimflug wieder. Ich knüpfte den 10er Torch an die frisch gekürzten Leinen. Jedoch wurde mir auf dem Wasser leider schnell klar, dass wir zwei Probleme hatten: Zum Einen hatte der 10er in Kombination mit den kurzen Leinen nicht ausreichend Power und zum anderen hatte ich zur Landung bei LowTide gerade einmal knietiefes Wasser zur Verfügung. Lösung dieser beiden Probleme war, den 12er Torch knallhart aufzupumpen und mit dem 10er auszutauschen. Nun hatte ich so viel Zug im Kite, dass ich kaum noch die Kante halten konnte. Die Wassertiefe zu ändern war nicht möglich, also hieß es einfach „Kopf ausschalten“ und beten.
Nachdem der erste Versuch gut ging, wollte ich beim zweiten Anlauf wissen wo das Limit ist. Ich wartete auf eine Böe und rieß den Kite dann in einem großen Radius gnadenlos nach hinten. Als mir schon beim Aufsteigen fast die Bar aus der Hand gerutscht war und mich ein Kribbeln im Bauch durchfuhr, schoß mir im nächsten Augenblick das Adrenalin durch den Körper und ich versuchte das Beste aus meiner Lage zu machen. Am höchsten Punkt angekommen, konnte ich sehen wie der Kite durch die nicht mehr vorhanden Leinenspannung in sich zusammenfällt und mich bei der Landung nicht mehr auffangen würde. Mit flügelschlagsähnlichen Armbewegungen hab ich versucht in eine gute Lage zu kommen, um den freien Fall aus der mehrstöckigen Höhe aufzufangen. Dank der festen Bindungen konnte ich mir schon mal sicher sein, dass ich nicht aus den Schlaufen rutschen und mir mein Schienbein aufreißen oder einen Spagat machen würde. Dass sich mein linkes Knie dazu entschied sich in die falsche Richtung zu beugen, hätte ich allerdings nicht gedacht. Der Einschlag ging wahnsinnig schnell und meine Eier schmerzten mir mehr als alles andere, bevor ich merkte, dass mein Knie instabil ist. Zurück zum Strand ging es dann per Bodydrag und das Abendessen wurde mir mit ca. zehn Ibuprofen800 verfeinert, um den Rückflug am nächsten Tag mit 80kg Gepäck zu überstehen. Daheim beim Arzt meines Vertrauens, wurden mit sechs Ampullen Blut aus meinem angeschwollenen und abartig schmerzenden Knie gezogen, bevor mir die Radiologie mitteilte, dass sich das vordere Kreuzband in Luft aufgelöst hat, der Meniskus angerissen ist und die Enden der Knochen vom Oberschenkel und Schienbein kurz davor standen zu brechen.
Kb.eu: Hattest du im ersten Moment Angst, dass die Verletzung dein Karriereende bedeuten könnte?
Da ich noch nie eine Knieverletzung hatte, konnte ich nur schwer abschätzen wie schlimm die Verletzung sein würde. Ich dachte eher an eine Bäderdehnung oder etwas anderes harmloseres, als einen Kreuzbandriss. Als ich direkt nach dem Sturz meine Bindungen abmontiert hatte und per Bodydrag am Strand angekommen bin, konnte ich sogar noch einigermaßen laufen und das Knie klappte nur ab und zu komisch weg und fühlte sich instabil an. Wenn Sören mich nicht aufgehalten hätte, wäre ich nach einer kurzen Pause wieder aufs Wasser gegangen, um am letzten Drehtag noch alles fürs Video zu geben. Mein Problem ist manchmal einfach, dass ich es nicht wahr haben will wenn ich verletzt bin. Nach dem „kleinem Kratzer“ an meinem Hintern war ich auch nach einer Woche wieder auf dem Wasser.
Erst als mir mein Arzt nach der Computertomografie (CT) die Diagnose mitteilte, wurde mir bewusst das es dieses mal vielleicht etwas ernster wird. Trotzdem war meine erste Frage wie lange es dauern würde, bis ich wieder aufs Wasser kann. Die Antwort darauf war nicht sonderlich erfreulich. Zu allererst muss ein OP-Termin gefunden werden und dann würde es ca. neun Monate dauern. „FUCK.... „ dass konnte und durfte nicht wahr sein. Ich schluckte bekam einen starren Blick und ging mit den Aufnahmen vom CT zurück zu meinem Auto. An ein Karriereende habe ich trotzdem nie gedacht. Eher daran, wie ich die Zeit sinnvoll nutzen kann um wieder mit neuer Motivation durchstarten zu können, nachdem ich den Trainingsrückstand aufgeholt habe.
Kb.eu: Wie lange musstest du dich schonen und welche Unterstützung hast du für deine Rehabilitation erhalten?
Normalerweise sollte ich nicht vor Beginn des Sommers wieder aufs Wasser zurück. Mit hartem Training und einem Physiotherapeuten der mich leidenschaftlich gerne quält, konnte ich meine verloren gegangene Muskulatur jedoch schnell wieder aufbauen. Als ich meinem Arzt im März, vier Monate nach der OP fragte, ob ich vorsichtig wieder aufs Wasser könnte, guckte er mich nur ungläubig an und riet mir lieber dazu kontrollierte Bewegungen zu machen. Da die Flüge nach Thailand schon gebucht waren, fragte ich noch einmal nach ob es in Ordnung sei in weichem Sand joggen zu gehen. Mit seinem Abnicken entschied ich für mich, dass es an der Zeit war wieder aufs Board zu kommen. Wenn auch nur ganz vorsichtig und ohne waghalsige Aktionen, gab mir der Monat in Thailand einen guten Schub in die richtige Richtung. Bei der Nachuntersuchung nach sechs Monaten wurde mir gesagt, dass sie lange nicht mehr ein Knie gesehen haben, das nach sechs Monaten einen solch guten Eindruck gemacht hat.
Kb.eu: Birgt diese Verletzung lange anhaltende Schäden oder erholt sich dein Körper wieder komplett von dem Eingriff?
Der größte Schaden ist die lange Pause und das psychische Handicap. Mit viel Training wird aber bald wieder alles beim Alten sein. Schon jetzt geht es wieder gut ab. Aber die Angst, dass etwas kaputt gehen könnte sitzt einem noch sehr stark im Nacken und es ist schwierig die angezogene Handbremse wieder zu lösen.
Kb.eu: Den Winter hast du zeitweise in Thailand verbracht. Was hast du dort gemacht und wie bist du an einem so tollen Spot mit deiner Verletzung umgegangen?
Was macht man wohl in Thailand, wenn man verletzt ist.......
Vom Sextourismus habe ich mich auf jeden Fall fern gehalten. Zusammen mit meiner Freundin war ich einen guten Monat bei Dzevad, einem alten Freund von mir der sich in diesem paradiesischen Land eine Kitestation aufgebaut hat. Dass ich verletzt bin habe ich immer erst dann wieder realisiert, wenn das angeschwollene Knie am Abend mit viel Eis gekühlt werden musste. Die erste Woche verbrachte ich mit einem Longboard beim Surfen oder Stand Up Paddeln (SUP). Danach war ich mit einem Strapless Wellenreiter unterwegs und habe die ersten Tricks ohne Board unter den Füßen gemacht. Leider wurden diese Spielereien schnell langweilig und ich konnte es nicht lassen mir meine Bindungen an die Füße zu schnüren und ein paar Tricks übers Wasser zu zaubern.
Kb.eu: Wie findest du den neuen Tourstop der PKRA in Hua Hin?
Der Spot und die Location sind der Hammer. Von daher ist es eine gute Sache hier einen Tourstop der PKRA durchzuführen. Leider war meine Chemieprofessorin so gütig und hat den Klausurtermin genau in diesen Zeitraum gelegt. Von daher war ich beim eigentlichen Contest leider nicht dabei.
Kb.eu: Wirst du diesen Winter erneut nach Thailand reisen?
Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht. Erstmal steht das Sommersemester vor der Tür.
Kb.eu: Auf dem ersten Tourstop der Deutschen Meisterschaft in Dahme hast du überraschenderweise direkt wieder den 3. Platz belegt. Kann man sagen, dass du wieder ganz der Alte bist und dein Knie wieder schmerzfrei bewegen und belasten kannst?
Leider nicht ganz. Aber es geht schon in eine gute Richtung. Meine Trick-Liste ist durch die lange Pause und das eingeschränkte Training leider etwas geschrumpft. Allerdings bin ich durch meine angestaute Motivation auf einem guten Weg mit viel Style und Power in die neue Saison zu starten.
Kb.eu: Wie sehen deine Pläne für diese Saison aus? Wirst du doch wieder an der KPWT (Kiteboarding Pro World Tour) teilnehmen?
Neeeeeeee lass maaaaaaal... Ich bleibe lieber bei der PKRA... ;-)
Kb.eu: Was denkst du wer den Titel des „Deutschen Meisters“ (Freestyle) in diesem Jahr gewinnen wird?
Das wird abhängig von den Bedingungen sein. Ich hoffe natürlich auf eine Sturmwarnung, um die Masse in Bewegung zu bringen.
Kb.eu: Wenn du wichtige Entscheidungen in deinem Leben treffen musst, wen bittest du um Rat?
Das kommt ganz darauf an um was es geht. Manchmal meine Omi, meine Eltern, Freunde oder Freundin sowie hin und wieder auch Leute, die gar nichts mit der Sache zu tun haben, um eine objektive Meinung einzuholen.
Kb.eu: Vielen Dank für das Gespräch Rick und weiterhin viel Glück für die Saison.
Danke.
Autor: Friderike Schwanecke
zum Index

